Aufwachen!

Eigentlich war sie eine echte Spätaufsteherin, und wenn sie sich nicht mit der Disziplin eines viel zu lauten Weckers abgefunden hätte, wäre es für sie überhaupt nichts Besonderes gewesen, sich erst nach der Mittagsstunde zum Aufstehen durchzuringen. Ihr Beruf als Schriftstellerin und freie Journalistin machte es ihr wirklich leicht, sich spät abends spontan zu entscheiden, den Alarm nicht zu setzen.
Aber heute morgen war alles anders.
Scheinbar fast unmittelbar nachdem sie letzte Nacht ins Bett gegangen war, na ja, kurz nach Mitternacht, kam diese Träumerei über sie:
Sie ging in den nahe gelegenen Park. Es sah so aus, als sei sie die einzige lebende Person, keine anderen Menschen waren in der Nähe. Es war sehr still. Das war nicht wirklich überraschend, denn die Nacht hatte gerade begonnen, sich zurückzuziehen und Platz für die ersten Anzeichen der Dämmerung zu machen. Es war noch viel zu früh für selbst die eifrigsten Jogger oder Mensch- und Hund-Paare. Sie blieb an der großen alten Eiche auf dem kleinen Rasen stehen, etwa zwanzig Meter vom großen Teich entfernt, wo nicht einmal eine verschlafene Ente schwamm. Sie kannte diesen Baum sehr gut und liebte es, im Sommer unter dieser schönen Eiche zu sitzen und sich an den Stamm zu lehnen.
In dem Moment, in dem sie weitergehen würde, kam eine sanfte, aber klare Stimme vom Baum und sagte zu ihr: „Hallo, Emmy.“
Sie spürte keine Furcht oder Angst, aber sie sah sehr erstaunt zu dem Baum auf. Da sie dort niemanden sah, drehte sie sich um und suchte den, der sie begrüßt hatte. Als sie wieder in die Baumkrone schaute, bemerkte sie einen kleinen gelbgoldenen Schimmer, der schnell größer und heller wurde, und dann sah sie eine Gestalt aus dem Baum herauskommen. Zuerst waren die Konturen ziemlich vage, aber dann sah sie, dass es eindeutig eine Frau war. Vielleicht eine Elfe oder eine Fee, dachte sie, erstaunlich.
Die gleiche Stimme wie zuvor ertönte wieder und sie konnte jetzt sehen, dass es diese Frau war, die sprach. Sie wiederholte drei Mal die gleichen Worte:
“Wach auf und komm her.”
Dann löste sich die Figur wieder auf und das Licht verschwand.
Zu Hause im Bett wachte sie auf und erinnerte sich an den Traum.
Sollte sie jetzt wirklich aufstehen? Nur weil ein Traum so gesagt hat? Nein, entschied sie und drehte sich um und fast sofort schlief sie wieder ein.
Aber der selbe Traum wiederholte sich, alles war genau gleich wie zuvor. Und wieder, nachdem der Traum vorbei war, wachte sie spontan auf. Und sie dachte noch einmal: „Soll ich denn aufstehen und in den Park gehen? So früh? Bin ich verrückt?” Aber dann, zwei Mal der gleiche Traum, das ist wirklich eigenartig.
Sie war wirklich im Zweifel, weil es sich unter der Bettdecke so schön warm und angenehm anfühlte. Dann draußen in die Kälte der Nacht zu gehen, ist kein Vergnügen. Dann, noch bevor sie über ihre spontane Entscheidung nachdenken konnte, schlug sie die Bettdecke zurück und stand auf. Schnell zog sie sich an, zog Stiefel und Jacke an und ein paar Momente später schloss sie leise die Haustür hinter sich.
Im Licht der Straßenlaternen ging sie schnell zum Park. Keine einzige Lampe in den Wohngebäuden auf beiden Seiten warf Licht durch ein Fenster. Nach zwanzig Minuten kam sie am Eingang des Parks an und ein paar Minuten später stand sie vor der alten Eiche, so, wie sie es in ihrem Traum getan hatte. Hoffnungsvoll wartete sie, bis dieser seltsame Traum Wirklichkeit wurde. Nach fünf Minuten war nichts passiert, sie fing an zu zweifeln.
Aus der Ferne hörte sie ein Kreischen, gefolgt von einem lauten Knall. Sie ignorierte das und richtete ihren Blick immer wieder auf den Baum. Und sie wartete noch, während sie kurze Zeit später viele Sirenen hörte, mit abnehmender Hoffnung, das Wunder ihres Traumes zu sehen.
Aber nach weiteren fünfzehn Minuten spürte sie, wie die nächtliche Kälte langsam durch die Jacke drang und sie drehte sich sehr enttäuscht um und ging langsam nach Hause.
Als sie auf die Straße kam, wo sie wohnte, sah sie sofort, dass etwas sehr Schreckliches geschehen sein musste. Das Wohnhaus, in dem sich ihre Wohnung befunden hatte, existierte nicht mehr. Was genau dort passiert war, teilte ihr ein Feuerwehrmann mit, nachdem sie sich identifiziert hatte:
„Dort drüben ist ein Flugzeug auf das Gebäude abgestürzt. Wir sind immer noch auf der Suche, aber es sieht so aus, als ob niemand aus dem Flugzeug und aus dem Gebäude überlebt hat.“

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